Konferenz an der Universität Leipzig in Kooperation mit der Leipziger Buchmesse

Die internationale Konferenz Poetologien des deutschsprachigen Gegenwartsromans wird vom 13. bis 15. März vom Institut für Germanistik der Universität Leipzig in enger Kooperation mit der Leipziger Buchmesse veranstaltet. Die Tagung ist Bestandteil des Programms der Buchmesse und durchgängig für das Buchmessepublikum geöffnet. Gefördert wird die Konferenz von der Fritz-Thyssen-Stiftung.

„Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier“: Der erste Satz aus Terézia Moras Debütroman Alle Tage (2004) dient als Ausgangspunkt einer Positionsbestimmung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Lassen sich die vielfältigen Erscheinungsformen literarischen Schreibens in der Gegenwart auf ein bestimmbares Maß gemeinsamer formaler und struktureller Merkmale zurückführen? Inwiefern sind – trotz eines heterogenen Textkorpus – gemeinsame Problem- und Gegenstandsbezüge erkennbar? Oder ist angesichts der unmittelbaren zeitlichen Nähe der Literaturwissenschaft zum Gegenstand und in Anbetracht von dessen Vielfältigkeit eine übergreifende, synthetisierende Betrachtung der Gegenwartsliteratur (noch?) gar nicht möglich? Falls doch: Lassen sich neue Trends und Traditionslinien ausmachen, oder ist die Literatur der Gegenwart vor allem geprägt durch das Aufgreifen bereits vorhandener Stil- und Ausdrucksformen?

Insbesondere die Frage nach den Möglichkeiten realistischen Erzählens in der Gegenwartsliteratur soll dabei in den Fokus rücken. Grundlage dafür ist die Beobachtung, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur im Spektrum potentieller Wirklichkeitsbezüge von Literatur vielfältige Positionen besetzt und zwischen realistischem und fantastischem Erzählen oszilliert – mitunter in ein und demselben Text. Doch lässt sich trotz dieser Vielfalt ein spezifisches Verhältnis erkennen, in welches Autorinnen und Autoren ihre Texte zur ,Realität‘ stellen – und beruht dieses auf einem gemeinsamen Wirklichkeitsbegriff? Wie sind also „Zeit und Raum ins Erzählen zu bringen“, wie Mora in einem Interview zu ihrem Eingangssatz formulierte? Analoge Fragen gelten dem literarischen Bezug auf Geschichte, auf die zahlreiche Texte intensiv, jedoch in unterschiedlicher Weise referieren – etwa durch die Thematisierung der NS-Zeit oder der DDR, aber auch in metahistoriographischen Romanen. Lassen sich in der Literatur des 21. Jahrhunderts Gemeinsamkeiten im Zugang zu Geschichtlichkeit beschreiben, die eine analoge Begriffsbildung zu Linda Hutcheons Konzept einer „historiographic metafiction“ in der Postmoderne zulassen? Existiert also so etwas wie ein für das neue Millennium charakteristisches Konzept von Geschichte – und wie lässt sich dieses beschreiben?

Thema der Konferenz – und Hintergrund für die Frage nach einer Poetologie des Gegenwartsromans – ist deshalb nicht zuletzt dessen bisher ungeklärtes Verhältnis zu einer Epoche oder Schreibweise „Postmoderne“. Die Konferenz stellt sich der Frage: Was ist überhaupt postmodern? Ist dieses Attribut hilfreich für die Beschreibung gegenwärtiger Literatur, sei es in Anschließung oder Abgrenzung? Und falls ja, welche der vielfältigen Postmoderne-Definitionen ist dabei zu nutzen? Oder handelt es sich bei der Postmoderne vielmehr um eine bereits abgeschlossene literarische Epoche, so dass neue Begrifflichkeiten für eine Poetologie der Gegenwart gesucht werden müssen?

Da literarische Ästhetiken sich nicht in einem Vakuum herausbilden, spielt die Einbettung der literarischen Produktion in kulturelle, soziale und (markt-) wirtschaftliche Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle für die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen. Neben ästhetischen und Periodisierungsfragen wird im Rahmen der Konferenz auch ganz konkret nach der pragmatischen Funktion von Institutionen und Instanzen des literarischen Marktes für die Ausbildung von Poetologien der Gegenwart gefragt. Spezifischer Anlass für die entsprechenden Reflexionen ist die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse am dritten Konferenztag, die die Konferenz intensiv begleiten und beobachten wird.

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